|
Vortrag Mittwoch, den 12.05.2004 Podiumsdiskussion mit Herrn Raphael Osmakowski Bad Saulgau, Frau Nadja Focht Ostrach, Herrn Lothar Frey Ostrach und Herrn Kai Siebler Ostrach Zuerst erfolgte die Begrüßung und Vorstellung der Diskussionsrunde:
Herr Raphael Osmakowski Stadtrat Bad Saulgau, stellvertretender Abteilungsleiter Volleyball TSV Bad Saulgau engagiert in der Integration von Aussiedlern und Türken im Zusammenhang mit der „Marktplatzproblematik“. Frau Nadja Focht Lehrerin an der Hauptschule Ostrach und Gemeinderätin seit 10 Jahren Herr Lothar Frey gebürtiger Ostracher, Sozialarbeiter, seit drei Jahren in Ostrach Leiter des Jugendbegegnungszentrums Ostrach „JuBSO“ Herr Kai Siebler Schulsozialarbeiter , Ansprechpartner für Schüler, Eltern, Lehrer Die Diskussionsrunde wurde eröffnet durch Frau Nadja Focht: Sie hielt Rückblick auf die Entwicklung im Bereich der Jugendarbeit in Ostrach. Im Gemeinderat wurde die „Aussiedlerproblematik“ häufig diskutiert. Vor acht Jahren bildete sich ein kleiner Kreis Freiwilliger, die zusammen mit Frau Döring die Betreibung eines Jugendhauses in die Wege leiteten. Einige Jahre später kam es zur Festanstellung eines Sozialarbeiters. Räume in der Freiherr-vom-Steinschule wurden zur Verfügung gestellt. Aufgrund der Freiwilligkeit der Mitarbeiter war es anfangs schwierig. Herr Bürgermeister Barth betone immer wieder die Fortschrittlichkeit der Gemeinde Ostrach in Bezug auf die Jugendarbeit. Leider zerstöre ein kleiner Teil der Jugendlichen immer wieder das positive Bild. Sie gab auch zu bedenken, dass dort wo kontrolliert wird, die Zahlen krimineller Straftaten immer höher sind, als dort, wo keine Kontrolle stattfindet. Im Bereich der Schule schauen die Lehrer hin und gehen Probleme aktiv an. Im weiteren Verlauf schilderte Herr Osmakowski die Situation aus Bad Saulgau: 1977 wurde das alte Jugendhaus abgerissen. Es war zuvor autonom verwaltet - jedes Jahr betreut durch eine Schulabschlussklasse. Das bedingte einen ständigen Betreuerwechsel, der das Entstehen einer Drogenszene begünstigte. Jugendhaus = Drogentreffpunkt: 24 Jahre hat es gedauert, bis das Bewusstsein in der Bevölkerung aufgrund der Aussiedlerproblematik zum Thema Jugendhaus sich änderte. Er wies darauf hin, dass nicht alle Jugendlichen aktiv als Mitglied in Vereinen, Musikkapellen ... tätig sein wollen. Verantwortlich dafür hält er Computer und Fernsehen. Das mache die Jugendlichen kontaktarm. Straßenspiel gäbe es nicht mehr. Sieben Jahre lang wurde vehement eine Neueröffnung des Jugendhauses gefordert. Glück hätte man gehabt durch den Bürgermeisterwechsel. Eine verkrustete Denkweise gegenüber Jugendlichen wurde aufgeweicht. Die Hauptschule benötigte neue Klassenräume, die alten konnten als Jugendräume genutzt werden. 2001 war damit die Basis für den Neubeginn der Jugendarbeit betreut durch das Haus Nazareth gegeben. Um die Jugendlichen zu integrieren, wurde der Innenausbau vorwiegend von Aussiedlern und Ausländern gestaltet. Nachfolgend hat sich erwiesen, dass die Räume auch pfleglich behandelt werden, weil sich die Jugendlichen damit identifizieren. Parallel dazu begannen unterschiedliche Gruppierungen Angebote für Jugendliche zu entwickeln: Die Abteilung Volleyball veranstaltet einmal im Monat Mitternachtssport von 22-24.00 Uhr für 15-18jährige in der ABC-Halle Bad Saulgau. Im Wechsel wird Basket-, Volley-, Fußball oder Breakdance angeboten. Als Veranstalter treten die Abteilung Volleyball, Polizei und Schulsozialarbeiter der Haupt- und Berufsschule auf. Das habe den großen Vorteil, dass die Jugendlichen bekannt sind durch den ständigen Kontakt auch im Alltag. Die Grenzen zwischen den Schülern verschiedener Schulen seien dadurch aufgeweicht und ein besserer Kontakt untereinander war die Folge. Der Arbeitskreis „Mehr Miteinander“, in dem Polizei, Gemeinderäte, der türkische Elternbeirat und Eltern von Aussiedlerkindern engagiert sind startete verschiedene Projekte, beispielsweise das „Parkhausfest“. Wichtig sei es, Kontakt zu den Eltern der Aussiedlerkinder zu suchen. Aufgrund anderer Hierarchieformen in den Familien sei dann erst ein Verständnis für die Verhaltensweisen der Jugendlichen möglich. Der türkische Elternbeirat habe es geschafft, Jugendliche vom Marktplatz zu holen. Die Masse hält sich an Regeln In den zwei Übersiedlerwohnheimen mit 70 Bewohnern, werden in zwei Räumen Computer- und Bastelkurse angeboten um die Hemmschwelle der Sprache zu überwinden. Dies erfolgt mit der Förderung des Sozialamtes Kreis Sigmaringen. Er warnt: „Ehrenamt kann man auch überstrapazieren“. Es entstand eine komplette A-Jugendmannschaft im Volleyball die anfangs sehr schwierig zu disziplinieren war. Als Lösung fand man einen ehemaligen Marinetaucher aus Russland – ein Ostracher Bürger – der mittlerweile das Problem gut im Griff habe. Er appellierte „Jugendliche brauchen das Gefühl integriert zu sein“ und auch an die Vereine auf die Jugendliche zu zugehen. Im Anschluss kam Herr Lothar Frey aus Ostrach zu Wort: Als gebürtiger Ostracher kennt er die Entwicklung in der Jugendarbeit auch aus eigener Erfahrung. Momentan ist er zu 100% im Haus Nazareth Sigmaringen angestellt. Die Stelle teilt sich auf in einem Arbeitseinsatz zu 50% in Ostrach, 25% Trainingskurse mit straffälligen Jugendlichen und 25% in der sozialen Gruppenarbeit. Vor drei Jahren begann er in Ostrach mit der offenen Jugendarbeit. Elf Monate lang war davor das bestehende Jugendhaus „Exit“ geschlossen. Jugendliche waren gewaltsam eingestiegen und vieles war verwüstet. Es war für ihn ein schwerer Start: Schlechter Ruf des Jugendhauses, die Notwendigkeit einer aufwändigen Renovierung, Vertrauen aufbauen, Kontaktsuche zu den Jugendlichen, die sich noch immer mit dem alten Jugendhausleiter identifizierten. Nach vier Wochen standen dann die Jugendlichen da und wollten streichen. Sechs Monate habe die Renovierung in Anspruch genommen, Mitte Dezember wurde offiziell eröffnet. Bewusst wurde das „Exit“ umbenannt in „JuBSO“ - Jugendbegegnungsstätte Ostrach. Jugendliche akzeptieren die Leitung. Unter Mithilfe der Jugendagentur Sigmaringen und der Initiative von sechs Mädchen entstand das Internetcafé. Im Moment sei aufgrund der schulischen Werdegänge nur noch ein Mädchen aktiv dabei. Das Internetcafé wird stark frequentiert und es sei weiterer Bedarf an zwei Computern. Die Thematik „Ehrenamt“ unter den Jugendlichen sieht Herr Frey immer noch als problematisch. Die Schule – über den Sozialarbeiter Herr Siebler und JuBSO arbeiten eng zusammen. Es werden strenge Regeln aufgestellt, die keine Gewalt oder Ausschreitungen dulden. Beim Verdacht von Drogen wird sofort die Polizei informiert. Drei wurden in der Vergangenheit kontrolliert, davon kamen zwei in Jugendarrest. Die Bevölkerung empfindet er mittlerweile nicht mehr als so misstrauisch wie anfangs. Man könne wieder am Jugendzentrum vorbeilaufen, auch die Außenanlagen seien besser in Ordnung gehalten. Positives Feedback käme auch vonseiten des Gemeinderats. Gewalttätig sei immer nur kleiner Prozentsatz, der auch leider manchmal nicht zu ändern sei. Er mache auch der Polizei größte Sorgen. Dabei arbeiten die Drahtzieher versteckt in Hintergrund und schicken die „Kleinen“ vor. Hohen Zeitaufwand erfordert die Arbeit mit Eltern und Jugendlichen. Die Verlagerung an den Skaterplatz oder auch das Buchbühldenkmal sieht er als problematisch und für ihn nicht lösbar, da aufgrund der 50%-Einstellung seine gesamte Arbeitszeit das JuBSO erfordert. Aber er resigniere nicht, bleibe am Ball und hoffe auf besser Zeiten, die es ermöglichten die Stelle vielleicht aufzustocken. |