Gentechnik
Gentechnik - bald in aller Munde? PDF Drucken E-Mail
Sonntag, 06. April 2008 um 14:06

Vortrag Mittwoch, den 24.03.2004
Referent Herr Egon Oehler - Kreisgeschäftsführer Bauernverband Biberach-Sigmaringen

Herr Oehler ist Kreisgeschäftsführer des Bauerverbandes Biberach-Sigmaringen, praktizierender Landwirt und Mitglied im Ortschaftsrat Friedberg. Nach kurzer Begrüßung und Vorstellung, begann er seinen Vortrag mit der Erklärung der Begriffe „Rote, Graue und Grüne Gentechnik“:

Rote Gentechnik bezeichnet den gentechnischen Einsatz in der Medizin im Bereich der Forschung, Heilung und Diagnostik. In diesem Bereich ist für Herrn Oehler die Problematik anders zu bewerten als in anderen Bereichen. Als eindrückliches Beispiel Insulin: vor Einsatz der Gentechnologie wurden 100-150 Bauchspeicheldrüsen/Jahr/Diabetiker zur Insulinherstellung benötigt. Zudem waren die Risiken der Produkte für den Patienten im Hinblick auf Krankheitsübertragung und Reaktionen auf das tierische Material höher als heute mit gentechnisch aufbereitetem Insulin. Das gilt auch für zahlreiche weitere Medikamente und Impfstoffe. Nicht zu vergessen, die Arbeitsplätze in der Region z.B. Fa. Engstler oder Fa. Boehringer Biberach.
Graue Gentechnik findet Ihre Anwendung bei Enzymen, Chemikalien und in der Technik. Für den Verbraucher bedeutet dies, dass Gentechnik im Alltag vielseitig zum Einsatz kommt: Bsp. Multivitaminsäfte, Rapsöl, Labersatz bei Käsezubereitung, Hefe für Bier und Backwaren. Der Vorteil ist begründet in der immer gleich bleibenden Qualität der benötigten Zusatzstoffe. Ab dem 18.04.2004 tritt die neue Kennzeichnungspflicht in Kraft: Liegt der gentechnisch veränderte Anteil eines Lebensmittels über 0.9%, so muss eine Kennzeichnung erfolgen.
Grüne Gentechnik schlussendlich bezieht sich auf den Einsatz in der Landwirtschaft und im Lebensmittelsektor. Pflanzen sollen qualitativ verbessert, resistenter, und ertragreicher werden. In der Diskussion kam zum Ausdruck, dass vereinfacht gesagt die Gentechnik nichts Neues ist. Schon früher haben die Menschen versucht über Kreuzungen widerstandsfähigere Sorten zu erhalten. Im Lebensmittelbereich sind die Ziele eine verbesserte Lager- und Transportfähigkeit, verbesserte Verarbeitungsmerkmale, Optimierung der Produktionsvorgänge, verbesserte Zusammensetzung der Nahrung bis hin zu glutenfreier Nahrung. So wäre es nach Aussagen von Herrn Oehler deutschen Forschern möglich, mithilfe der Gentechnik den Feuerbrand im Obstanbau in Griff zu bekommen. Die Zulassung wurde aber von Ministerin Künast abgelehnt – für die Landwirte unverständlich. Gentechnikbefürworter argumentieren zudem, dass der Einsatz von Chemikalien im Bereich der Schädlingsbekämpfung reduziert werden könnten.

Das Robert Kochinstitut erforscht die Auswirkungen und Folgen der Gentechnik für den Verbraucher. Bis heute sind keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit bekannt. Herr Oehler geht davon aus, dass die Erfahrung von seither 4-5Jahren zu kurz sind, um eindeutige Aussagen treffen zu können.

In den USA werden bereits auf 35 Millionen Hektar (68%) gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. Bezogen auf die Pflanzen liegt gentechnisch veränderter Soja bei 55%, Mais 7% und Raps 11% der Weltproduktion. Soja spielt im Bereich der tierischen Produktion eine wichtige Rolle und für die Landwirte wird es zunehmend schwieriger unverändertes Sojaeiweiß zu erhalten. Seit 1996 ist die Verarbeitung gentechnisch veränderten Sojas in der EU erlaubt und wird in über 20.000 Lebensmitteln als Mehl, Pflanzenöl und Emulgator Lecithin verarbeitet. Mais und Raps werden als Mehl, Öl oder Futtermittel verwendet - auch in der EU ist Genraps auf dem Markt.
4-5% der spanischen Maiserzeugung stammt aus gentechnisch verändertem Saatgut. Die Erfahrung hier hat gezeigt, dass die Anbaukosten um 49% stiegen. Die Erklärung liegt darin, dass in der EU gentechnisch veränderte Pflanzen separat verarbeitet, transportiert und gelagert werden müssen. EU-weit gab es im Jahre 2000 2500 Anträge bezogen auf Standorte, an denen gentechnisch verändertes Saatgut ausgebracht werden darf. Die Zahlen sind rückläufig - in Deutschland liegen momentan 250 Anträge vor.
Eine gentechnisch veränderte Tomate wurde in Amerika nicht angenommen. Der Einsatz von Rinderwachstumshormonen ist in den USA üblich. Deutsche Landwirte sind strikt dagegen, mit dem Argument, dass sowieso eine Überversorgung herrscht. Als Folge der Nichtzulassung in der EU kam es zur Klage vonseiten der USA, die seither erfolgreich abgewehrt werden konnte.

Herr Oehler schilderte kurz die Gesetzeslage in der BRD, die auf EU-Richtlinien basiert.
Es soll versucht werde, ein Nebeneinander von „Grüner Gentechnik“, konventioneller und Biolandwirtschaft zu realisieren. Die vorliegenden Gesetzesentwürfe sehen Abstandsregelungen bei „verschuldungsunabhängiger, gesamtschuldnerischer Haftung“ für die Landwirte vor. Bezogen auf unser dörfliches Leben im Landkreis erscheinen Herrn Oehler die vorliegenden Regelungen als sehr fragwürdig in der Auslegung und dem täglichen Miteinander. Seiner Ansicht nach sollen Saatgutfirmen, die gentechnisch verändertes Material auf den Markt bringen, auch die Haftung übernehmen. Nach einer Umfrage sind 70% der Verbraucher und 70% der konventionellen Bauern gegen den Einsatz der Gentechnologie im Bereich der Landwirtschaft.
Als Umkehrschluss sieht Herr Oehler neue Marktpotentiale durch gentechnisch unveränderte Pflanzen. Momentan wird für Raps aus der Region ein höherer Preis erzielt, weil er gentechnikfrei ist. Supermarktketten reagieren mit „Gentechnikfreiheit“ z.B. EDEKA im Fleischbereich.
In der Ausrufung gentechnikfreier Zonen sieht er nicht die Lösung der Probleme, weil täglich bereits Gentechnik über Ladentisch, Großküchen, Kantinen oder Gaststätten an den Verbraucher gelangt. Zudem würde es sich aufgrund der Gesetzeslage auch nur um eine freiwillige Absichtserklärung handeln. Somit sieht er keinen Nutzen für den Verbraucher. Er setzt auf die Verbraucherentscheidung nach Inkrafttreten der Kennzeichnungspflicht am 18.04.2004. Der Markt regelt die Nachfrage.
Zum Schluss seines Vortrages ging er auf die Situation im Ostrachtal ein. Der Bauernverband empfiehlt nur gentechnikfreie Saatgutsorten auszubringen. In diesem Zusammenhang wird vor kostenlosem Saatgut gewarnt, da hier die Kennzeichnung als fraglich angesehen wird. Die Bauern der Region sind Garant für unverfälschte frische Lebensmittel. Sie fordern echten Verbraucherschutz zur Unterstützung ihrer Produktion und fühlen sich von der Bundesregierung im Stich gelassen.

Zwei Filmausschnitte schilderten die Problematik zwischen Landwirtschaft und Chemieindustrie in Bezug auf gentechnisch verändertes Saatgut.
Film Canada „Tote Ernte“
Film „Terminatorpflanze“ beide ursprünglich ausgestrahlt beim „WDR“

Bericht SZ 30.03.2004 Herr Spendel

Bald in aller Munde – oder: Der Teufel ist aus der Flasche

Ostrach – Einig in der Ablehnung der so genannten „Grünen“ Gentechnik, skeptisch, ob die Ablehnerfront halten wird und resignierend vor der Tatsache, dass gentechnisch veränderte Pflanzen bereits den Lebensmittelmarkt erobert haben, ist das Fazit eines Vortrages, zum dem die UL Ostrach eingeladen hatte.
Lag es am Wetter oder an parallel verlaufenden Veranstaltungen? Der Vortrag über „Gentechnik, bald in aller Munde“ im Sitzungssaal der Volksbank, hätte mehr Zuhörer verdient. Egon Oehler, Kreisgeschäftsführer des Bauernverbandes Sigmaringen-Biberach, Ortsvorsteher von Friedberg und praktizierender Landwirt, steht im Thema, das er mit modernster Medientechnik vermitteln konnte.
Oehler unterschied drei Arten der Gentechnik, die „Rote“, die in der Medizin angewendet wird und weitgehend in der Öffentlichkeit, wegen ihrer neuen Möglichkeiten Leiden zu lindern und Heilung zu verbessern, anerkannt ist. Die „Graue“, die sich mit der industriellen Herstellung von Enzymen und Vitaminen befasst und unter anderem die Brauhefe für das tägliche Bierchen nicht mehr vom Rindermagen, sondern aus dem Labor bezieht. Die „Grüne“ Gentechnik, die Pflanzen unempfindlich gegen Krankheiten, Schädlingen, Trockenheit oder Spritzmittel macht, war das Thema an diesem Abend. Oehler stellte fest, dass es heute schon schwierig ist gentechnisch freie Sojabohnen auf dem Futtermarkt zu erhalten. Gentechnisch veränderte Sojabohne wird bereits in über 20000 Lebensmitteln verarbeitet, wie zum Beispiel im Mehl, Pflanzenöl oder im Lecithin, das der Bäcker verwendet, damit das Brot schön hell aus dem Backofen kommt. Seit 1996 ist die Verwendung von gentechnisch veränderter Sojabohnen in der EU erlaubt.
Gentechnisch veränderter Mais verhindert den Befall der Frucht durch den Maiszünsler, verleiht den Tomaten mehr Vitamin C, den Kartoffeln mehr Stärkeanteil, kann Allergien verhindern, verzichtet auf Pflanzenschutzmittel. Im Grunde positive Dinge. Warum dann das negative Image? 70% der Verbraucher und der Landwirte sind gegen den Einsatz von Gentechnologie, obwohl bis heute keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit bekannt geworden sind.

Vorgegaukelte Sicherheit
Die Zahl der Anträge auf den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen ist in Deutschland, im Gegensatz zu den USA seit 1998 rückläufig. Zurzeit liegen 250 Anträge vor. Oehler vertritt die Auffassung, dass wir die Gentechnik nicht brauchen, dass sich der Landwirt in die Abhängigkeit der chemischen Industrie begibt, die im Grund der einzige Gewinner sei. Nichts hält er von gentechnikfreien Zonen. Sie würden dem Verbraucher nur eine Sicherheit vorgaukeln, die es in den Ladenregalen, Großküchen, Kantinen und Gaststätten nicht gibt, weil es keine ausreichende Kennzeichnungspflicht gibt. Dagegen sieht er für die heimische Landwirtschaft eine Chance im genfreien Anbau.
Der Markt für genfreie Produkte wird steigen. Deshalb rät der Bauernverband seinen Mitgliedern dringend, bei der Aussaat höchste Vorsicht an den Tag zu legen. Oehler lehnt vehement eine Koexistenz zwischen Gentechnik und herkömmlicher Landwirtschaft ab.
Sollte sich ein Landwirt für gentechnisch veränderten Anbau entscheiden, sieht er ein erhöhtes Streitpotenzial in den Dörfern. Völlig unverständlich sei es, warum das gesamte Risiko bei Haftungsfragen auf die Landwirte abgeschoben wird. „Die EU, die den Krümmungsgrad der Gurke festschreibt, schweigt zu diesem Thema. Die Bauern fordern einen echten Verbraucherschutz. „Wir verlangen, dass wenigstens versucht wird, dem „Bio-Safety-Abkommen“ beizutreten“, führte der Bauernvertreter aus.
Bei der anschließenden kritischen Diskussion wurden differenzierte Meinungen vertreten. Fazit: Der Teufel ist aus der Flasche, eine Umkehr wenig wahrscheinlich. Gentechnik ist bereits in aller Munde.

Wenn Sie noch Fragen oder Anregungen haben, können Sie sich gerne an uns wenden.

Aktualisiert ( Sonntag, 06. April 2008 um 14:09 )